Kurz gesagt: Abhalten kann grundsätzlich schon im Wochenbett beginnen. Es ist aber optional und kein medizinisch notwendiges Programm. In den ersten Tagen stehen Wärme, Ernährung, Nähe, Erholung und die gesundheitliche Beobachtung des Neugeborenen im Vordergrund. Wenn Eltern Abhalten ausprobieren möchten, reicht ein ruhiger, gelegentlicher Einstieg völlig aus.
Kann man ein Neugeborenes schon abhalten?
Ja. In der aktuellen Fachliteratur wird Assisted Infant Toilet Training (AITT) als betreuungsgestützte Praxis beschrieben, die bereits ab Geburt beginnen kann. Die Betreuungsperson achtet auf mögliche Signale und typische Zeitpunkte und unterstützt das Kind beim Ausscheiden über einem geeigneten Auffangort.1
Das bedeutet aber nicht, dass ein früher Start notwendig oder gesundheitlich überlegen ist. Eltern müssen im Wochenbett weder jedes Signal erkennen noch jede Ausscheidung außerhalb der Windel auffangen.
Was hat im Wochenbett Vorrang?
Die ersten Tage und Wochen sind eine sensible Anpassungsphase. Gute postnatale Versorgung konzentriert sich vor allem auf:
- ausreichende Ernährung und Unterstützung beim Stillen oder Füttern,
- Wärme und Hautkontakt,
- Beobachtung des Allgemeinzustands,
- Gewichtsentwicklung,
- Erkennen von Krankheitszeichen,
- Ruhe und Unterstützung für die Familie.
WHO und NICE stellen genau diese Punkte in der postnatalen Betreuung in den Vordergrund.2, 3 Ausscheidungskommunikation kann sich darin einfügen – sie sollte diese Grundbedürfnisse aber nicht überlagern.
Wie kann ein sanfter Einstieg aussehen?
Für das Wochenbett ist ein situativer Einstieg meist sinnvoller als ein festes Programm. Eltern können zum Beispiel einzelne Gelegenheiten nutzen, bei denen das Kind ohnehin wach und ruhig ist oder ein wiederkehrendes Muster zeigt.
Die Literatur beschreibt AITT als responsive und nicht zwingende Praxis. Viele Familien nutzen es nur teilweise. In einer westlichen Langzeitbeobachtung praktizierte ungefähr die Hälfte der Familien AITT zeitweise in Teilzeit.4
Für die Beratung heißt das: Teilzeit ist kein „halbes“ Abhalten. Eltern können ausprobieren, was zu ihrem Alltag und ihrem Kind passt.
Wie sollte das Baby gehalten werden?
In Fachbeschreibungen wird das Kind beim AITT sicher und gestützt über einem Auffangort gehalten, häufig in einer unterstützten Hockposition.1 Bei einem Neugeborenen müssen Kopf und Rumpf entsprechend dem Entwicklungsstand zuverlässig gestützt werden.
Wichtig ist weniger eine „perfekte“ Position als ein sicherer, entspannter Umgang: Das Kind sollte nicht gegen deutlichen Widerstand gehalten werden. Wenn es unruhig wird, friert, trinken möchte oder die Situation für Eltern anstrengend wird, kann die Gelegenheit einfach beendet werden.
Für bestimmte Abhaltepositionen gibt es bisher keine hochwertigen Vergleichsstudien, aus denen sich eine medizinisch überlegene Technik ableiten ließe. Deshalb sollte hier nicht mehr versprochen werden, als die Forschung hergibt.
Warum Urin und Stuhl im Wochenbett trotzdem dokumentiert werden sollten
Im frühen Wochenbett haben Ausscheidungen eine zusätzliche Bedeutung: Sie helfen bei der Einschätzung, ob Ernährung und Flüssigkeitsaufnahme funktionieren.
NICE empfiehlt, bei der Stillbeurteilung unter anderem nach Gewichtsentwicklung, Trinkverhalten sowie der Zahl nasser und verschmutzter Windeln zu fragen.3 Wenn ein Baby teilweise außerhalb der Windel ausscheidet, geht diese Information nicht verloren – sie muss nur anders beobachtet oder dokumentiert werden.
Für Hebammen ist deshalb eine einfache Frage hilfreich: „Wie oft hat das Baby heute insgesamt uriniert und Stuhl entleert – in der Windel und beim Abhalten zusammen?“
Wie viel Ausscheidung ist in den ersten Tagen zu erwarten?
Starre Zahlen sollten nicht isoliert verwendet werden. Ein klinisch nützlicher Orientierungswert stammt aus dem Protokoll der Academy of Breastfeeding Medicine: Bei einem gesunden, reif geborenen und gestillten Neugeborenen sollte eine sorgfältige Stillbeurteilung erfolgen, wenn weniger als eine Miktion und eine Stuhlentleerung pro Lebenstag beobachtet werden.5
Das ist ausdrücklich kein Diagnosetest. Eine niedrige Ausscheidungszahl bedeutet nicht automatisch Dehydratation oder zu wenig Milch. Sie ist ein Anlass, genauer hinzuschauen – zusammen mit Gewicht, Trinkverhalten und Allgemeinzustand.
Mekonium: Wann wird es auffällig?
Der erste Stuhl eines Neugeborenen – das Mekonium – ist ein wichtiger Teil der frühen Beobachtung. NICE empfiehlt medizinischen Rat, wenn ein Baby innerhalb von 24 Stunden noch kein Mekonium ausgeschieden hat.3 Die deutsche S2k-Leitlinie nennt einen ersten Mekoniumabgang nach mehr als 48 Stunden zusätzlich als anamnestisches Warnzeichen bei der Abklärung von Stuhlentleerungsproblemen.6 Die beiden Angaben stammen aus unterschiedlichen Versorgungskontexten; im Wochenbett sollte deshalb nicht bis 48 Stunden gewartet werden, bevor fehlender Mekoniumabgang fachlich angesprochen wird.
Abhalten darf solche Informationen nicht „unsichtbar“ machen. Gerade im Wochenbett sollte klar sein, ob und wann Mekonium und spätere Stühle tatsächlich abgegangen sind.
Verhindert früheres Abhalten Koliken oder Verdauungsprobleme?
Dafür gibt es bisher keinen belastbaren Nachweis.
Die 2026 veröffentlichte BABITT-Studie randomisierte 271 Säuglinge im Alter von 0 bis 2 Monaten. Das untersuchte moderate AITT-Programm verringerte bis zum Alter von neun Monaten die kombinierte Häufigkeit von Säuglingskolik, infantiler Dyschezie und funktioneller Obstipation nicht statistisch signifikant.7
Hebammen sollten deshalb nicht mit Aussagen wie „Wenn ihr früh abhaltet, verhindert ihr Koliken oder Verstopfung“ beraten.
Was können Hebammen Eltern konkret sagen?
Eine sachliche und entlastende Formulierung kann zum Beispiel so aussehen:
„Wenn ihr möchtet, könnt ihr euer Baby schon jetzt gelegentlich abhalten. Das muss aber nicht bei jeder Ausscheidung funktionieren. Achtet darauf, dass es für euch und euer Baby ruhig und angenehm bleibt. Wichtig ist in den ersten Tagen vor allem, dass Trinken, Gewicht und Ausscheidungen insgesamt gut im Blick bleiben.“
Wann sollte Abhalten in den Hintergrund treten?
Abhalten ist eine optionale Pflegepraxis. Es sollte nicht zum zusätzlichen Stressfaktor werden. Besonders zurückhaltend sollte beraten werden, wenn:
- das Baby schlecht trinkt oder ungewöhnlich schläfrig wirkt,
- Gewichtsentwicklung oder Ausscheidung Anlass zur Sorge geben,
- das Baby Fieber oder andere Krankheitszeichen zeigt,
- Mekonium verspätet abgeht,
- galliges Erbrechen oder ein stark geblähter Bauch auftreten,
- Eltern körperlich oder emotional stark belastet sind.
In solchen Situationen steht die medizinische oder ernährungsbezogene Einschätzung im Vordergrund.
Was Fachpersonen vermeiden sollten
- Abhalten als notwendige Voraussetzung einer gesunden Entwicklung darzustellen.
- Gesundheitsversprechen wie „verhindert Koliken“ oder „schützt vor Verstopfung“ zu machen.
- Eltern unter Druck zu setzen, Signale erkennen oder möglichst viele Ausscheidungen „erwischen“ zu müssen.
- Im frühen Wochenbett die Dokumentation von Urin und Stuhl aus den Augen zu verlieren.
- auffällige Ausscheidungen vorschnell mit dem Abhalten selbst zu erklären.
Fazit
Abhalten kann bereits im Wochenbett beginnen – aber es muss nicht. Ein druckfreier, gelegentlicher Einstieg passt besser zur frühen Anpassungsphase als ein starres Programm. Für Hebammen ist entscheidend, Ausscheidungskommunikation als optionale Pflegepraxis einzuordnen und gleichzeitig die klinisch wichtigen Informationen zu erhalten: Trinken, Gewicht, Urin, Stuhl und Allgemeinzustand bleiben im Wochenbett zentral.
Quellen
- Hindmarsh C, Davis D. Assisted infant toilet training: A pathway to planetary health? Midwifery. 2026;158:104794. DOI: 10.1016/j.midw.2026.104794. PubMed.
- World Health Organization. WHO recommendations on maternal and newborn care for a positive postnatal experience. 2022. WHO.
- National Institute for Health and Care Excellence. Postnatal care. NICE Guideline NG194. NICE.
- Bender JM, Lee Y, Ryoo JH, et al. A Longitudinal Study of Assisted Infant Toilet Training During the First Year of Life. J Dev Behav Pediatr. 2021;42(8):648–655. DOI: 10.1097/DBP.0000000000000936. PubMed.
- Hoyt-Austin AE, Kair LR, Larson IA, Stehel EK; Academy of Breastfeeding Medicine. Clinical Protocol #2: Guidelines for Birth Hospitalization Discharge of Breastfeeding Dyads, Revised 2022. Breastfeed Med. 2022;17(3):197–206. DOI: 10.1089/bfm.2022.29203.aeh. ABM-PDF.
- Gesellschaft für Pädiatrische Gastroenterologie und Ernährung (GPGE), Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (DGKJP) u. a. Funktionelle (nicht-organische) Obstipation und Stuhlinkontinenz im Kindes- und Jugendalter. S2k-Leitlinie, 2022. AWMF-PDF.
- Nilsson T, Leijon A, LoMartire R, et al. Assisted infant toilet training and the prevalence of functional gastrointestinal disorders up to the age of 9 months: a randomised, controlled trial. Arch Dis Child. 2026;111(3):238–244. DOI: 10.1136/archdischild-2025-328792. PubMed.
Recherche- und Prüfstand: 29. September 2026. Zentrale medizinische Aussagen wurden quellenbezogen geprüft; Grenzwerte und Warnzeichen werden nur dort genannt, wo sie durch die zitierte Leitlinie oder Primärreferenz getragen sind.
Evidenz & Transparenz
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Evidenzlage
Eine aktuelle hebammenspezifische Publikation beschreibt AITT als ab Geburt mögliche responsive Pflegepraxis. NICE und das ABM-Protokoll zeigen, dass Urin- und Stuhlausscheidung im frühen Wochenbett Teil der Ernährungsbeurteilung sind. Die BABITT-RCT von 2026 zeigte keinen statistisch signifikanten präventiven Effekt des untersuchten moderaten AITT-Programms auf Säuglingskolik, Dyschezie und funktionelle Obstipation bis 9 Monate.
Sicherheitshinweis
Zu geringe Ausscheidung, auffälliger Gewichtsverlauf, schlechtes Trinken, verzögerter Mekoniumabgang, Fieber, galliges Erbrechen oder ein krank wirkendes Neugeborenes müssen unabhängig vom Abhalten fachlich beziehungsweise ärztlich eingeordnet werden.
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