Kurz gesagt: Für Abhalten beziehungsweise Assisted Infant Toilet Training (AITT) als Behandlung einer bereits bestehenden funktionellen Obstipation gibt es derzeit keinen belastbaren Wirksamkeitsnachweis. Beobachtungsstudien berichten zwar teilweise günstigere Zusammenhänge bei früherem Toileting. Sie können aber nicht zeigen, dass frühes Abhalten Verstopfung verhindert. Und die bisherige randomisierte AITT-Studie fand bis zum Alter von neun Monaten keinen statistisch gesicherten Vorteil beim kombinierten Endpunkt aus Säuglingskolik, infantiler Dyschezie und funktioneller Obstipation.
Zuerst unterscheiden: Vorbeugen oder behandeln?
Bei der Frage „Hilft Abhalten gegen Verstopfung?“ werden häufig zwei unterschiedliche Dinge vermischt:
- Prävention: Entwickeln Kinder seltener eine funktionelle Obstipation, wenn Ausscheidungskommunikation früh beginnt?
- Therapie: Hilft Abhalten einem Kind, das bereits eine funktionelle Obstipation hat?
Für beide Fragen ist die Datenlage unterschiedlich – und für die zweite Frage besonders dünn.
Ist Abhalten eine Behandlung für bestehende Obstipation?
Nach aktuellem Forschungsstand lässt sich das nicht belegen.
Die 2026 veröffentlichte gemeinsame Leitlinie von ESPGHAN und NASPGHAN zur Behandlung funktioneller Obstipation wertete 102 randomisierte kontrollierte Studien aus und entwickelte daraus einen aktuellen Behandlungsalgorithmus.1 AITT oder Elimination Communication wird darin nicht als spezifische Therapie für eine bestehende funktionelle Obstipation bewertet oder empfohlen.
Das ist wichtig – aber ebenso wichtig ist die richtige Interpretation: Dass AITT in der Leitlinie nicht als Therapie auftaucht, beweist nicht, dass es niemals hilfreich sein kann. Es bedeutet zunächst, dass eine therapeutische Wirkung bisher nicht ausreichend untersucht und belegt ist.
Was empfiehlt die aktuelle Obstipationsleitlinie?
Die internationale Leitlinie von 2026 empfiehlt eine schrittweise, evidenzbasierte Behandlung. Polyethylenglykol (PEG) ist dort die einzige Therapieoption mit einer starken Empfehlung und moderater Evidenzsicherheit.1
Zusätzlich empfiehlt die Leitlinie bei entwicklungsreifen Kindern Aufklärung und Anleitung zum Toilettentraining als Good Practice. Gleichzeitig sagt sie ausdrücklich: Für die Wirksamkeit von Education oder Toilettentraining allein als Behandlung funktioneller Obstipation gibt es keine direkte Evidenz.1
Das klingt zunächst widersprüchlich, ist es aber nicht. Die Empfehlung beruht auf klinischer Erfahrung und einem sinnvollen Behandlungskonzept – nicht auf einem gesicherten eigenständigen Therapieeffekt des Toilettentrainings.
Dieses Toilettentraining ist nicht dasselbe wie Abhalten
Genau hier entsteht leicht Verwirrung. Das Toilettentraining in der Obstipationsbehandlung richtet sich an Kinder, die entwicklungsbedingt bereits mitarbeiten können. Häufig geht es darum, nach Mahlzeiten regelmäßig auf der Toilette zu sitzen, einen günstigen Toilettenrhythmus aufzubauen und Stuhlverhalten zu verändern.
AITT im Säuglingsalter ist etwas anderes: Hier trägt die Betreuungsperson die Handlung und bietet dem Baby eine Ausscheidungsgelegenheit an. Ergebnisse aus dem einen Bereich dürfen deshalb nicht einfach auf den anderen übertragen werden.
Kann frühes Abhalten Verstopfung verhindern?
Dazu gibt es Beobachtungsstudien, die zunächst vielversprechend aussehen.
Eine aktuelle globale Review zu AITT fasste 21 Studien zusammen. Mehrere Beobachtungsstudien berichteten günstigere Blasen- oder Darmverläufe bei früherem AITT beziehungsweise früherem Toileting. Die Autorinnen bewerten diese präventiven Zusammenhänge jedoch als deutlich anfällig für Verzerrungen.2
Ein Beispiel ist eine große chinesische Querschnittsstudie mit mehr als 10.000 Kindern. Ein früherer Beginn von Elimination Communication war dort mit weniger späterer Blasen- und Darmdysfunktion verbunden.3
Das ist ein interessanter Zusammenhang. Er beweist aber keine Ursache. Familien, die früh mit EC beginnen, können sich in vielen anderen Punkten von Familien unterscheiden, die später beginnen – etwa bei kulturellen Gewohnheiten, Betreuung, Ernährung oder Gesundheitsverhalten. Außerdem beruhten die Angaben rückblickend auf Elternberichten.
Was zeigt die randomisierte BABITT-Studie?
Besonders wichtig ist deshalb die randomisierte BABITT-Studie von 2026. 271 Säuglinge wurden im Alter von 0 bis 2 Monaten entweder einer AITT-Gruppe oder einer Kontrollgruppe zugeteilt. Die AITT-Gruppe sollte das frühe Toileting moderat praktizieren – ein- bis dreimal täglich an fünf bis sieben Tagen pro Woche.4
Bis zum Alter von neun Monaten zeigte sich kein statistisch signifikanter Unterschied bei der kombinierten Häufigkeit von Säuglingskolik, infantiler Dyschezie und funktioneller Obstipation: 52,0 % in der AITT-Gruppe gegenüber 49,6 % in der Kontrollgruppe.4
Auch daraus sollte man nicht zu viel ableiten. Der Endpunkt fasste drei unterschiedliche Beschwerden zusammen. Die Studie beweist deshalb nicht, dass AITT auf jede einzelne spätere Darmfunktion keinerlei Einfluss haben kann. Aber sie liefert aktuell keinen Beleg für eine allgemeine frühe Präventionswirkung.
Kann die Abhalteposition trotzdem den Stuhlgang erleichtern?
Eine günstige Körperposition kann das Ausscheiden grundsätzlich erleichtern. Bei älteren Kindern spielt eine geeignete Toilettenposition deshalb auch in der Behandlung funktioneller Obstipation eine Rolle.
Für Säuglinge ist die Frage aber wissenschaftlich nicht ausreichend untersucht: Es gibt derzeit keine hochwertige Studie, die zeigt, dass eine bestimmte Abhalteposition eine bestehende funktionelle Obstipation behandelt.
Deshalb ist eine vorsichtige Formulierung sinnvoll: Abhalten kann sich für einzelne Kinder beim Ausscheiden angenehm oder hilfreich anfühlen – als Therapie einer funktionellen Obstipation ist es aber nicht belegt.
Dyschezie nicht mit Verstopfung verwechseln
Gerade bei jungen Säuglingen ist außerdem die Abgrenzung zur infantilen Dyschezie wichtig. Ein Baby kann lange pressen, rot werden oder weinen und anschließend weichen Stuhl entleeren. Das ist nicht dasselbe wie funktionelle Obstipation.
Bei einer Dyschezie stehen nach Rome V Aufklärung und Beruhigung im Vordergrund; rektale Stimulation soll vermieden werden und Laxanzien sind in der Regel nicht nötig. Bei funktioneller Obstipation ist die Situation dagegen eine andere.5
Was bedeutet das für die Hebammenberatung?
Eine klare Antwort auf die Elternfrage kann so aussehen:
„Es gibt Hinweise aus Beobachtungsstudien, dass früheres Ausscheidungstraining mit weniger späteren Problemen zusammenhängen könnte. Wir wissen aber nicht, ob das Abhalten selbst dafür verantwortlich ist. Für eine bestehende Verstopfung ist Abhalten nicht als Behandlung belegt. Wenn euer Kind Verstopfung hat, sollte die reguläre Behandlung deshalb nicht durch Abhalten ersetzt werden.“
Was Fachpersonen vermeiden sollten
- „Abhalten verhindert Verstopfung.“
- „Hättet ihr früher angefangen, wäre das nicht passiert.“
- „Probiert erst einmal Abhalten, bevor ihr die empfohlene Behandlung beginnt.“
- Beobachtungsstudien als Beweis für einen kausalen Schutz zu verwenden.
- klassisches Toilettentraining älterer Kinder und AITT bei Säuglingen gleichzusetzen.
Wann muss genauer abgeklärt werden?
Bei harter und schmerzhafter Stuhlentleerung, ausgeprägter Stuhlretention oder wiederkehrenden Beschwerden sollte die Ursache fachlich eingeordnet werden. Besondere Vorsicht gilt bei Warnzeichen wie verzögertem Mekoniumabgang, schlechtem Gedeihen, Erbrechen, Blut im Stuhl ohne erkennbare Fissur, stark geblähtem Bauch oder neurologischen beziehungsweise anorektalen Auffälligkeiten.6
Abhalten kann in einer Familie parallel weiter genutzt werden, wenn es für das Kind angenehm ist. Es darf aber eine notwendige Diagnostik oder Behandlung nicht verzögern.
Fazit
Die Forschung liefert derzeit keinen belastbaren Beleg dafür, dass Abhalten eine bestehende funktionelle Obstipation behandelt oder zuverlässig verhindert. Beobachtungsstudien zeigen interessante Zusammenhänge, können aber keine Kausalität beweisen. Die bisherige randomisierte Säuglingsstudie fand bis neun Monate keinen statistisch gesicherten Präventionsvorteil beim kombinierten gastrointestinalen Endpunkt. Bei bestehender funktioneller Obstipation bleibt deshalb eine evidenzbasierte, altersgerechte Behandlung entscheidend.
Quellen
- Gordon M, de Geus A, Boruta M, et al. ESPGHAN/NASPGHAN guidelines for treatment of functional constipation in children aged 0–18 years. J Pediatr Gastroenterol Nutr. 2026;83(2):335–366. DOI: 10.1002/jpn3.70447. PubMed.
- Hindmarsh C, Davis D, Atchan M. Assisted Infant Toilet Training and Bladder and Bowel Health: A Global Integrative Review. Matern Child Health J. 2025;29:1366–1378. DOI: 10.1007/s10995-025-04160-0. PubMed.
- Xu PC, Wang YH, Meng QJ, et al. Delayed elimination communication on the prevalence of children’s bladder and bowel dysfunction. Sci Rep. 2021;11:12366. DOI: 10.1038/s41598-021-91704-3. PubMed.
- Nilsson T, Leijon A, LoMartire R, et al. Assisted infant toilet training and the prevalence of functional gastrointestinal disorders up to the age of 9 months: a randomised, controlled trial. Arch Dis Child. 2026;111(3):238–244. DOI: 10.1136/archdischild-2025-328792. PubMed.
- Di Lorenzo C, Saps M, Chumpitazi BP, et al. Lower and Biliary Disorders of Gut–Brain Interaction: Child and Adolescent. Gastroenterology. 2026;170(6):1367–1387. DOI: 10.1053/j.gastro.2026.01.036. PubMed.
- Gesellschaft für Pädiatrische Gastroenterologie und Ernährung (GPGE), Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (DGKJP) u. a. Funktionelle (nicht-organische) Obstipation und Stuhlinkontinenz im Kindes- und Jugendalter. S2k-Leitlinie, 2022. AWMF-PDF.
Recherche- und Prüfstand: 29. September 2026. Therapieaussagen wurden gegen die aktuelle ESPGHAN/NASPGHAN-Leitlinie geprüft; fehlende Evidenz für AITT als Behandlung wird ausdrücklich von etablierter Standardtherapie getrennt.
Evidenz & Transparenz
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Evidenzlage
Die 2026 publizierte ESPGHAN/NASPGHAN-Leitlinie wertete 102 RCTs zur Behandlung funktioneller Obstipation aus und empfiehlt eine evidenzbasierte stufenweise Therapie; AITT/EC ist keine bewertete spezifische Therapie. Die 2025er AITT-Review bewertet positive Präventionsassoziationen als biasgefährdet. Die randomisierte BABITT-Studie fand bis 9 Monate keinen signifikanten Vorteil beim kombinierten GI-Endpunkt.
Sicherheitshinweis
Abhalten darf eine notwendige Diagnostik oder Behandlung funktioneller Obstipation nicht ersetzen oder verzögern. Bei Warnzeichen wie verzögertem Mekoniumabgang, Gedeihstörung, Erbrechen, Blut im Stuhl ohne Fissur, ausgeprägter Bauchdistension oder neurologischen/anorektalen Auffälligkeiten ist ärztliche Abklärung erforderlich.
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