Kurz gesagt: Ein wiederkehrendes Geräusch wie „Psssss“ oder Pfeifen ist eine dokumentierte AITT-Praxis, aber keine Voraussetzung. Es sollte nicht mit den natürlichen Ausscheidungssignalen des Babys verwechselt werden. Kontrollierte Studien, die ein bestimmtes Geräusch als notwendig oder überlegen belegen, fehlen.
Zwei verschiedene Dinge: Signal und Cue
Ausscheidungssignale gehen vom Kind aus: Veränderungen im Gesicht, Körperbewegungen, Grunzen, kurze Laute oder andere Zustandswechsel können rund um Miktion oder Defäkation auftreten. Eine systematische Review hat solche visuellen, auditiven und taktilen Signale zusammengetragen.1
Ein Cue oder Schlüsselsignal kommt dagegen von der Betreuungsperson. Das kann ein gleichbleibendes „Psssss“, Pfeifen oder ein anderes ruhiges Geräusch sein.
Woher kommt das Geräusch?
In einem westlichen AITT-Fallbericht von 2004 wurde während des Ausscheidens ein wiederkehrendes vokales Signal verwendet.2 In einer vietnamesischen Längsschnittstudie berichteten Mütter ebenfalls, zu bestimmten Zeiten ein Pfeifgeräusch zu verwenden.3
Damit ist gut dokumentiert, dass solche Geräusche in unterschiedlichen Praktiken vorkommen. Weniger gut untersucht ist, wie sie genau wirken.
Ist das klassische Konditionierung?
Assoziatives Lernen ist als Erklärung plausibel: Ein gleichbleibendes Geräusch begleitet wiederholt eine ähnliche Körper- und Ausscheidungssituation. Die vorhandenen AITT-Studien belegen aber keinen spezifischen Konditionierungsmechanismus und zeigen nicht, dass das Geräusch selbst die Ausscheidung verursacht.
Deshalb ist die Formulierung „Das Baby kann das Geräusch mit der Situation verbinden“ wissenschaftlich sauberer als „Das Geräusch löst den Reflex aus“.
Muss jede Familie ein Schlüsselsignal verwenden?
Nein. AITT wird auch über Timing, beobachtbare kindliche Signale und wiederkehrende Alltagssituationen praktiziert. Ein akustisches Cue kann eine zusätzliche Routine sein, ist aber keine Voraussetzung.
Kann ein Cue Druck erzeugen?
Das Geräusch selbst ist nicht das Problem. Entscheidend ist, was die Betreuungsperson daraus macht. Wenn nach einem „Psssss“ erwartet wird, dass das Kind nun ausscheiden müsse, kann aus einer neutralen Routine schnell Leistungsdruck werden.
Eine druckfreie Anwendung bedeutet: Geräusch anbieten, kurz warten, Situation beenden, wenn nichts kommt oder das Kind nicht möchte.
Was Hebammen sagen können
„Ihr könnt ein ruhiges, gleichbleibendes Geräusch verwenden, wenn es euch hilft. Es ist aber kein Muss und kein Test. Das Geräusch begleitet die Situation – euer Baby muss darauf nichts leisten.“
Fazit
Akustisches Cueing gehört zu dokumentierten AITT-Praktiken, ist aber weder notwendiger Bestandteil noch nachgewiesener physiologischer Auslöser. Für die Beratung ist vor allem die Unterscheidung wichtig: kindliches Ausscheidungssignal und caregiver-erzeugtes Schlüsselsignal sind nicht dasselbe.
Quellen
1. Van Aggelpoel T, et al. ‚Elimination signals‘ in healthy, NON toilet trained children aged 0–4 years: A systematic review. J Pediatr Urol. 2020;16(3):317–325. PubMed.
2. Sun M, Rugolotto S. Assisted infant toilet training in a Western family setting. 2004. PubMed.
3. Duong TH, Jansson U-B, Hellström A-L. Vietnamese mothers‘ experiences with potty training procedure for children from birth to 2 years of age. J Pediatr Urol. 2013;9:808–814. PubMed.
Recherche- und Prüfstand: 30. September 2026. Ein spezifischer Konditionierungsmechanismus oder eine Überlegenheit bestimmter Cueing-Geräusche ist nicht belegt.
Evidenz & Transparenz
Wie ist dieser Artikel einzuordnen?
Evidenzlage
Die Einordnung trennt dokumentierte Praxis von nicht belegten Wirkmechanismen und kennzeichnet fehlende Vergleichsdaten ausdrücklich.
Sicherheitshinweis
Positionen und Routinen dürfen nicht erzwungen werden; praktische Empfehlungen sind keine Therapie.