Wann Ausscheidungskommunikation ansprechen? Beratung in Schwangerschaft und Wochenbett

Kurz gesagt: Ausscheidungskommunikation kann sowohl vor als auch nach der Geburt angesprochen werden. Ein wissenschaftlich belegter „bester“ Beratungszeitpunkt existiert derzeit nicht. Für Hebammen ist deshalb weniger entscheidend, wann das Thema zwingend vorkommen muss, sondern ob die Information zur Situation passt, verständlich bleibt und als freiwillige Option vermittelt wird.

Eine aktuelle hebammenspezifische Publikation schlägt ausdrücklich vor, Assisted Infant Toilet Training (AITT) in antenatale und postnatale Bildung einzubeziehen.1 Das ist ein plausibler Ansatz – aber kein Nachweis dafür, dass Beratung in der Schwangerschaft besser wäre als im Wochenbett oder umgekehrt.

Warum der Beratungszeitpunkt überhaupt eine Rolle spielt

Ausscheidungskommunikation ist für viele Eltern zunächst ein unbekanntes Konzept. Gleichzeitig liegt rund um Geburt und Wochenbett ohnehin sehr viel neue Information auf dem Tisch: Stillen oder Flaschenernährung, Schlaf, Nabelpflege, Gewichtsentwicklung, Rückbildung, Wochenfluss, Neugeborenenscreening und vieles mehr.

Deshalb ist es wenig sinnvoll, Ausscheidungskommunikation als weiteres Pflichtprogramm „unterzubringen“. Die Frage sollte vielmehr lauten: Wann kann die Familie die Information aufnehmen und selbst entscheiden, ob sie für sie relevant ist?

Allgemeine Leitlinien zu gemeinsamer Entscheidungsfindung empfehlen, Informationen an Kontext und Prioritäten anzupassen, in überschaubaren Abschnitten zu vermitteln und ausdrücklich auch die Option einzubeziehen, etwas nicht zu tun.3

Option 1: Ausscheidungskommunikation schon in der Schwangerschaft erwähnen

Die Schwangerschaft bietet einen Vorteil: Eltern können ein neues Konzept kennenlernen, bevor der konkrete Alltag mit dem Baby beginnt. Es geht dann nicht darum, schon einen detaillierten Plan festzulegen, sondern zunächst um eine einfache Information:

„Neben der normalen Windelversorgung gibt es die Möglichkeit, einem Baby schon früh bei passenden Gelegenheiten eine Ausscheidungsmöglichkeit anzubieten. Das nennt man Ausscheidungskommunikation oder AITT. Ihr müsst euch jetzt nicht entscheiden – aber ihr könnt euch das später anschauen, wenn es euch interessiert.“

Das reicht für einen ersten Kontakt häufig aus. Eine aktuelle Publikation in Midwifery ordnet AITT ausdrücklich als mögliches Thema antenataler und postnataler Bildung ein.1

Wichtig ist die Einordnung: Diese Empfehlung stammt aus einem Diskussionspapier. Sie zeigt, dass das Thema fachlich in die Hebammeninformation eingeordnet werden kann; sie beweist nicht, dass antenatale Beratung bessere Ergebnisse erzielt.

Was in der Schwangerschaft noch nicht nötig ist

Eine erste Information muss nicht sofort alle Details enthalten. Positionen, Gefäße, Signaltypen oder Tagesroutinen können später folgen. Zu viele Einzelheiten erhöhen eher die Informationslast.

Für einen ersten Kontakt reichen drei Botschaften: Ausscheidungskommunikation ist eine Option, Windeln dürfen weiter genutzt werden und es gibt keine Erfolgsquote, die Eltern erreichen müssen.

Option 2: Im Wochenbett ansprechen – aber nicht um jeden Preis

Im Wochenbett wird das Thema konkreter: Das Baby ist da, Ausscheidungen gehören zum täglichen Pflegealltag und Eltern können direkt beobachten, wann ihr Kind uriniert oder Stuhlgang hat.

Gleichzeitig ist gerade die frühe postnatale Phase keine neutrale Lernumgebung. Erholung, Ernährung des Neugeborenen, Wärme, Gewichtsentwicklung, körperliche Beschwerden der Mutter und der allgemeine klinische Zustand haben Vorrang.

Die WHO beschreibt gute postnatale Versorgung als personenzentriert, unterstützend und flexibel. Familien sollen Information und Rückversicherung erhalten, zugleich aber mit ihren aktuellen Bedürfnissen und ihrem kulturellen Kontext ernst genommen werden.2

Für Ausscheidungskommunikation folgt daraus kein spezielles medizinisches Protokoll. Es folgt lediglich eine sinnvolle Beratungsregel: Eine optionale Pflegepraxis darf zentrale postnatale Themen nicht verdrängen.

Woran merkt man, dass das Thema gerade passt?

Ein günstiger Moment kann entstehen, wenn Eltern selbst nach Ausscheidungen, Windeln, Signalen oder dem Abhalten fragen. Auch eine konkrete Beobachtung kann ein Einstieg sein: Das Baby hat regelmäßig kurz nach dem Aufwachen Stuhlgang, wird beim Wickeln unruhig oder uriniert häufig direkt nach dem Öffnen der Windel.

Dann kann die Hebamme knapp erklären, dass manche Familien solche wiederkehrenden Situationen als Gelegenheit für ein Ausscheidungsangebot nutzen. Die Entscheidung bleibt bei den Eltern.

Hilfreich ist die Frage: „Möchtet ihr wissen, was manche Eltern in solchen Situationen ausprobieren?“ Damit wird Information angeboten, ohne sie aufzudrängen.

Woran merkt man, dass das Thema warten kann?

Wenn eine Familie gerade mit Ernährung, Erholung, Schmerzen, Unsicherheit oder anderen dringenden Fragen beschäftigt ist, muss Ausscheidungskommunikation nicht zusätzlich behandelt werden.

Auch NICE empfiehlt, Gespräche zu priorisieren, eine gemeinsame Agenda zu setzen und Informationen in handhabbaren Abschnitten zu vermitteln.3 Für ein freiwilliges Thema wie Ausscheidungskommunikation ist das besonders passend.

Ein Satz wie „Das können wir später noch einmal aufgreifen, wenn ihr möchtet“ ist fachlich völlig ausreichend.

Option 3: Erst einige Wochen oder Monate später

Auch ein späteres Gespräch ist möglich. Ausscheidungskommunikation hat kein nachgewiesenes Beratungsfenster, das nach den ersten Tagen geschlossen wäre.

Die BABITT-Studie vergleicht beispielsweise einen sehr frühen Start im Alter von 0 bis 2 Monaten mit einem späteren Start im Alter von 9 bis 11 Monaten.4 Das bedeutet nicht, dass neun Monate ein empfohlener Startzeitpunkt wären. Es zeigt aber, dass AITT auch wissenschaftlich nicht ausschließlich als Praxis der ersten Lebenstage verstanden wird.

Für Eltern, die erst später Interesse entwickeln, ist deshalb eine einfache Botschaft hilfreich: „Ihr habt nichts verpasst. Ihr könnt schauen, ob es jetzt zu euch passt.“

Die Evidenz zum Startzeitpunkt ordnen wir ausführlicher im Beitrag „Wann kann man mit Ausscheidungskommunikation beginnen?“ ein.

Wie viel Information braucht es beim ersten Gespräch?

Weniger als häufig angenommen. Für eine erste Orientierung reichen meist vier Punkte:

Erstens: Ausscheidungskommunikation bedeutet, mögliche Signale und typische Zeitpunkte wahrzunehmen und bei passender Gelegenheit eine Ausscheidungsmöglichkeit anzubieten.

Zweitens: Windeln können weiterhin genutzt werden. Teilzeit ist möglich.

Drittens: Eltern müssen weder jedes Signal erkennen noch jede Ausscheidung „erwischen“.

Viertens: Allgemeine Gesundheitsvorteile sind bisher nicht ausreichend belegt.

Wer mehr wissen möchte, kann anschließend konkrete Alltagssituationen, Signale oder typische Zeitpunkte besprechen. Der Beitrag „Ausscheidungskommunikation beraten: druckfrei und evidenzbasiert“ enthält dafür einen ausführlicheren Gesprächsaufbau.

Nicht jeder Kontakt braucht das Thema

Wenn Ausscheidungskommunikation grundsätzlich als mögliche Pflegepraxis zur Hebammeninformation gehört, bedeutet das nicht, dass sie in jedem einzelnen Kontakt angesprochen werden muss.

Die fachlich sinnvollere Logik ist: Information verfügbar machen, Interesse erkennen, Prioritäten respektieren und bei Bedarf vertiefen. Das passt besser zu gemeinsamer Entscheidungsfindung als ein starres Beratungsschema.

Was Fachpersonen vermeiden sollten

Nicht hilfreich sind: die Schwangerschaft mit detaillierten Anleitungen zu überfrachten; im frühen Wochenbett ein zusätzliches Pflichtprogramm zu erzeugen; einen bestimmten Beratungszeitpunkt als wissenschaftlich optimal darzustellen; Eltern zu vermitteln, sie hätten ein Zeitfenster verpasst; oder mangelndes Interesse als fehlende Feinfühligkeit zu bewerten.

Eine einfache Beratungslogik für die Praxis

Vor der Geburt: kurz bekannt machen. Im Wochenbett: nur vertiefen, wenn Situation und Interesse passen. Später: jederzeit wieder aufgreifen. Diese Logik ist keine evidenzbasierte Timing-Regel, sondern eine personenzentrierte Umsetzung der vorhandenen Fachliteratur und allgemeiner Beratungsprinzipien.

Fazit

Ausscheidungskommunikation kann in der Schwangerschaft, im Wochenbett oder später angesprochen werden. Die aktuelle Literatur liefert keinen Nachweis für einen einzigen optimalen Beratungszeitpunkt. Für Hebammen ist deshalb entscheidender, die Information als Wahlmöglichkeit bereitzuhalten und sie an Interesse, Situation und Aufnahmefähigkeit der Familie anzupassen.

So bleibt Ausscheidungskommunikation das, was sie in der Beratung sein sollte: eine mögliche Information – keine zusätzliche Aufgabe, die zu einem bestimmten Zeitpunkt erledigt werden muss.


Quellen

1. Hindmarsh C, Davis D. Assisted infant toilet training: A pathway to planetary health? Midwifery. 2026;158:104794. DOI: 10.1016/j.midw.2026.104794. PubMed.

2. World Health Organization. WHO recommendations on maternal and newborn care for a positive postnatal experience. 2022. WHO.

3. National Institute for Health and Care Excellence. Shared decision making. NICE Guideline NG197. NICE.

4. Nilsson T, Leijon A, et al. Bowel and bladder function in infant toilet training (BABITT) – protocol for a randomized, two-armed intervention study. BMC Pediatr. 2022;22:294. DOI: 10.1186/s12887-022-03355-6. PubMed.

Recherche- und Prüfstand: 29. September 2026. Dieser Artikel ist evidenzgeprüft.

Evidenz & Transparenz

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Evidenzlage

Ein 2026 publiziertes hebammenspezifisches Diskussionspapier schlägt die Integration von AITT in antenatale und postnatale Bildung vor, vergleicht diese Beratungszeitpunkte jedoch nicht. WHO und NICE unterstützen personenzentrierte, flexible und prioritätenorientierte Informationsvermittlung. BABITT untersucht frühe und spätere Starts im ersten Lebensjahr, liefert aber keinen Nachweis für einen optimalen Beratungszeitpunkt.

Sicherheitshinweis

Im Wochenbett dürfen Informationen zu einer optionalen Pflegepraxis zentrale postnatale Versorgung oder die Abklärung gesundheitlicher Probleme nicht verdrängen.

Prüfstatus: Evidenz geprüft•Letzte Prüfung: 29.09.2026•Nächste Prüfung: 29.09.2027

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