Wann kann man mit Ausscheidungskommunikation beginnen?

Kurz gesagt: Ausscheidungskommunikation kann grundsätzlich schon ab Geburt beginnen. Sie muss aber nicht so früh starten. Studien dokumentieren auch einen Beginn nach einigen Wochen oder Monaten. Für die Aussage „je früher, desto besser“ gibt es derzeit keinen belastbaren Gesundheitsnachweis.

Kann man direkt nach der Geburt anfangen?

Ja. Eine aktuelle Fachpublikation aus dem Bereich Hebammenwissenschaft beschreibt AITT ausdrücklich als Praxis, die bereits ab Geburt beginnen kann.1

Das heißt: Ein Neugeborenes muss nicht erst sitzen, sprechen oder seine Blase bewusst kontrollieren können. Die Betreuungsperson übernimmt die praktische Unterstützung und bietet bei passenden Gelegenheiten eine Ausscheidungsmöglichkeit an.

Wichtig ist aber die Einordnung: „Kann ab Geburt beginnen“ bedeutet nicht „sollte ab Geburt beginnen“.

Was zeigen Studien zu frühen Startzeitpunkten?

In einer westlichen longitudinalen Studie wurden Familien aufgenommen, die vor dem vierten Lebensmonat mit AITT begonnen hatten. Die 87 Kinder starteten im Mittel mit etwa 2,5 Monaten.2

Die Studie zeigt damit: Ein Beginn in den ersten Lebensmonaten ist praktisch möglich. Sie zeigt aber nicht, dass 2,5 Monate der „richtige“ oder beste Zeitpunkt sind.

Was untersucht die BABITT-Studie?

Die schwedische BABITT-Studie ist besonders interessant, weil sie einen sehr frühen Start gezielt untersucht. Im Studienprotokoll wurden Kinder entweder einer Gruppe mit AITT-Beginn im Alter von 0 bis 2 Monaten oder einer späteren Startgruppe im Alter von 9 bis 11 Monaten zugeordnet.3

Für die ersten neun Lebensmonate liegt inzwischen eine randomisierte Auswertung vor. Beim kombinierten Endpunkt aus Säuglingskolik, infantiler Dyschezie und funktioneller Obstipation zeigte der frühe Start keinen statistisch signifikanten Vorteil gegenüber der Kontrollgruppe.4

Das bedeutet nicht, dass ein früher Start grundsätzlich ohne Nutzen ist. Es bedeutet aber: Die bisher beste randomisierte Evidenz liefert keinen Beleg dafür, dass ein möglichst früher Beginn diese Beschwerden allgemein verhindert.

Ist früher automatisch besser?

Nach heutigem Forschungsstand: Nein, das lässt sich so nicht sagen.

Eine globale Review aus dem Jahr 2025 fasst zwar mehrere Beobachtungsstudien zusammen, in denen ein früherer Beginn mit günstigeren späteren Blasen- oder Darmverläufen zusammenhing. Die Autorinnen weisen aber darauf hin, dass diese Ergebnisse deutlich anfällig für Verzerrungen sind.5

Familien, die sehr früh beginnen, können sich in vielen anderen Punkten von Familien unterscheiden, die später beginnen – etwa bei Betreuung, kulturellen Gewohnheiten, Gesundheitsverhalten oder Motivation. Deshalb kann aus einem beobachteten Zusammenhang nicht automatisch ein kausaler Vorteil des frühen Starts abgeleitet werden.

Kann man auch später im Säuglingsalter anfangen?

Ja. Es gibt keinen belastbaren Hinweis darauf, dass nach den ersten Wochen oder Monaten ein wichtiges „Fenster“ geschlossen wäre.

Ein späterer Einstieg kann genauso bedeuten, zunächst nur typische Zeitpunkte zu nutzen – zum Beispiel nach dem Aufwachen oder in einer vertrauten Pflegesituation – und erst einmal zu beobachten, wie das Kind reagiert.

Auch die BABITT-Studie selbst untersucht einen späteren Beginn im ersten Lebensjahr. Das allein zeigt schon, dass AITT wissenschaftlich nicht ausschließlich als Neugeborenenpraxis verstanden wird.3

Und wenn Eltern erst mit sechs oder neun Monaten davon hören?

Dann ist die Antwort nicht: „Ihr seid zu spät.“

Für die Beratung ist sinnvoller zu fragen: Passt ein Einstieg jetzt in den Alltag der Familie? Gibt es Situationen, in denen ein Angebot praktisch wäre? Möchten die Eltern überhaupt ausprobieren, ob es für sie hilfreich ist?

Ausscheidungskommunikation ist eine optionale Pflegepraxis. Der Startzeitpunkt darf deshalb an die Bedürfnisse und Ressourcen der Familie angepasst werden. Allgemeine Prinzipien gemeinsamer Entscheidungsfindung unterstützen genau diese Haltung.6

Was ist im Wochenbett besonders wichtig?

Wenn Eltern direkt nach der Geburt beginnen möchten, sollte Ausscheidungskommunikation sich der Wochenbettsituation unterordnen – nicht umgekehrt.

Wärme, Ernährung, Nähe, Erholung, Gewichtsentwicklung und die gesundheitliche Beobachtung des Neugeborenen haben Vorrang. WHO beschreibt diese Aspekte als zentrale Bestandteile guter postnataler Versorgung.7

Ein früher Einstieg kann deshalb sehr klein aussehen: vielleicht eine einzelne Gelegenheit am Tag – oder zunächst nur Beobachtung.

Gibt es einen perfekten Startzeitpunkt?

Nein. Dafür gibt es derzeit keine belastbare Evidenz.

Die Forschung dokumentiert sehr unterschiedliche Startalter und kulturelle Praktiken. Ein universeller Zeitpunkt, der für alle Kinder und Familien am besten wäre, lässt sich daraus nicht ableiten.

Was bedeutet das für die Hebammenberatung?

Eine klare Antwort kann so aussehen:

„Ihr könnt grundsätzlich schon ab Geburt anfangen. Ihr müsst aber nicht. Auch ein späterer Einstieg ist möglich. Es gibt bisher keinen Beleg dafür, dass ein möglichst früher Start für jedes Kind gesundheitlich besser ist. Schaut, wann es für euch praktisch und entspannt passt.“

Was Fachpersonen vermeiden sollten

  • „Je früher, desto besser.“
  • „Wenn ihr nicht in den ersten Wochen startet, verpasst ihr das Zeitfenster.“
  • einen frühen Beginn mit einer gesicherten Gesundheitsprävention gleichzusetzen,
  • Eltern unter Zeitdruck zu setzen, obwohl die Methode optional ist,
  • einen bestimmten Startmonat als wissenschaftlich optimal auszugeben.

Fazit

Ausscheidungskommunikation kann ab Geburt beginnen, aber sie muss es nicht. Studien dokumentieren frühe Starts in den ersten Lebensmonaten ebenso wie spätere Einstiege im ersten Lebensjahr. Ein allgemein optimaler Beginn ist nicht belegt. Für die Beratung ist deshalb wichtiger, Durchführbarkeit und Gesundheitswirkung sauber zu trennen: Früh anfangen ist möglich – aber nicht automatisch besser.


Quellen

  1. Hindmarsh C, Davis D. Assisted infant toilet training: A pathway to planetary health? Midwifery. 2026;158:104794. DOI: 10.1016/j.midw.2026.104794. PubMed.
  2. Bender JM, Lee Y, Ryoo JH, et al. A Longitudinal Study of Assisted Infant Toilet Training During the First Year of Life. J Dev Behav Pediatr. 2021;42(8):648–655. DOI: 10.1097/DBP.0000000000000936. PubMed.
  3. Nilsson T, Leijon A, et al. Bowel and bladder function in infant toilet training (BABITT) – protocol for a randomized, two-armed intervention study. BMC Pediatr. 2022;22:294. DOI: 10.1186/s12887-022-03355-6. PubMed.
  4. Nilsson T, Leijon A, LoMartire R, et al. Assisted infant toilet training and the prevalence of functional gastrointestinal disorders up to the age of 9 months: a randomised, controlled trial. Arch Dis Child. 2026;111(3):238–244. DOI: 10.1136/archdischild-2025-328792. PubMed.
  5. Hindmarsh C, Davis D, Atchan M. Assisted Infant Toilet Training and Bladder and Bowel Health: A Global Integrative Review. Matern Child Health J. 2025;29:1366–1378. DOI: 10.1007/s10995-025-04160-0. PubMed.
  6. National Institute for Health and Care Excellence. Shared decision making. NICE Guideline NG197. NICE.
  7. World Health Organization. WHO recommendations on maternal and newborn care for a positive postnatal experience. 2022. WHO.

Recherche- und Prüfstand: 28. September 2026. Dieser Artikel ist evidenzgeprüft.

Evidenz & Transparenz

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Evidenzlage

Eine aktuelle hebammenspezifische Publikation beschreibt AITT als ab Geburt mögliche Praxis. Eine westliche Kohorte dokumentiert einen mittleren Start mit 2,5 Monaten. BABITT vergleicht 0–2 mit 9–11 Monaten; die publizierte 9-Monats-Auswertung zeigt keinen signifikanten Präventionsvorteil des sehr frühen Starts für den kombinierten GI-Endpunkt. Beobachtungsassoziationen zu frühem Toileting bleiben biasgefährdet.

Sicherheitshinweis

Ein Start mit Ausscheidungskommunikation ist keine Behandlung medizinischer Beschwerden. Im Wochenbett haben Ernährung, Wärme, Gewichtsentwicklung und klinischer Zustand Vorrang.

Status: Evidenz geprüft•Letzte Prüfung: 28.09.2026•Nächste Prüfung: 28.09.2027