Kurz gesagt: Ausscheidungskommunikation lässt sich am besten als Option beraten – nicht als Programm, das Eltern „richtig“ umsetzen müssen. Die Forschung beschreibt AITT als responsive, betreuungsgestützte Praxis. Wie häufig Familien sie nutzen, ist sehr unterschiedlich. Für die Beratung sind deshalb klare Informationen, realistische Erwartungen und die Freiheit, auch nur einzelne Situationen auszuprobieren, wichtiger als Konsequenz.
Was ist das Ziel einer guten Beratung?
Eine gute Hebammenberatung soll Eltern in die Lage versetzen, selbst zu entscheiden, ob Ausscheidungskommunikation zu ihnen passt. Dazu gehört nicht nur zu erklären, wie Abhalten funktioniert, sondern auch:
- was wissenschaftlich gut belegt ist,
- wo die Evidenz noch unsicher ist,
- welche Erwartungen realistisch sind,
- und dass auch Nicht-Mitmachen eine legitime Entscheidung ist.
Das entspricht allgemeinen Prinzipien gemeinsamer Entscheidungsfindung: Optionen sollen offen besprochen werden, Informationen in verständlichen Abschnitten vermittelt und persönliche Ziele und Präferenzen berücksichtigt werden.1
Nicht überzeugen – informieren
Ausscheidungskommunikation ist keine medizinisch notwendige Maßnahme. Deshalb sollte Beratung nicht darauf abzielen, Eltern von der Methode zu überzeugen.
Eine hilfreiche Haltung ist: „Ich zeige euch, was möglich ist. Ihr entscheidet, ob und wie ihr es nutzen möchtet.“
WHO beschreibt gute postnatale Versorgung als personenzentriert, respektvoll und unterstützend. Familien sollen Informationen und Rückversicherung bekommen und mit ihren eigenen Bedürfnissen und ihrem kulturellen Kontext ernst genommen werden.2
Welche Informationen brauchen Eltern wirklich?
Für einen ersten Überblick reichen meist fünf Punkte:
- Was ist Ausscheidungskommunikation?
Eine betreuungsgestützte Praxis, bei der Eltern auf mögliche Signale, typische Zeitpunkte und Routinen achten und dem Baby eine Ausscheidungsgelegenheit anbieten. - Muss das Baby dafür „trocken“ sein?
Nein. Ein Säugling muss seine Blase oder seinen Darm nicht willentlich kontrollieren können. - Muss man jede Ausscheidung erwischen?
Nein. - Muss man auf Windeln verzichten?
Nein. Teilzeit und Mischformen sind möglich. - Ist es nachweislich gesünder?
Das ist bisher nicht belegt.
Teilzeit ausdrücklich normalisieren
Viele Eltern gehen davon aus, dass Ausscheidungskommunikation nur dann „zählt“, wenn sie konsequent und möglichst rund um die Uhr praktiziert wird. Dafür gibt es keinen wissenschaftlichen Grund.
In einer westlichen longitudinalen AITT-Studie nutzten je nach Altersphase 45 bis 53 % der Familien die Methode in Teilzeit.3
Das lässt sich in der Beratung direkt nutzen: „Ihr könnt euch einzelne Situationen aussuchen, die für euch gut funktionieren.“
Signale erklären – ohne Leistungsdruck
Rund um Pipi und Stuhlgang können sichtbare oder hörbare Veränderungen auftreten. Eine systematische Review beschreibt zum Beispiel Veränderungen im Gesichtsausdruck, Bewegungen, Grunzen oder kurzes Schreien.4
Die Forschung zeigt aber nicht, dass jedes Baby eindeutige oder zuverlässig vorhersagbare Signale hat. Genau das sollte in der Beratung klar gesagt werden.
Statt: „Du musst lernen, die Signale deines Babys zu lesen.“
besser: „Manche Babys zeigen wiederkehrende Veränderungen. Ihr könnt beobachten, ob ihr bei eurem Kind Muster erkennt.“
Typische Zeitpunkte sind genauso wichtig wie Signale
Eltern orientieren sich häufig nicht nur an einem einzelnen Zeichen, sondern auch an wiederkehrenden Situationen: nach dem Aufwachen, rund um Mahlzeiten, vor dem Baden oder bei bestimmten Unruhephasen.
Das ist für die Beratung hilfreich, weil es den Fokus von „Ich muss mein Baby perfekt lesen“ hin zu einer entspannten Beobachtung des Alltags verschiebt.
Keine Gesundheitsversprechen
Ein häufiger Fehler in der Kommunikation ist, aus interessanten Beobachtungsdaten zu starke Gesundheitsversprechen abzuleiten.
Die globale AITT-Review von 2025 fand zwar mehrere Beobachtungsstudien mit günstigeren Zusammenhängen bei späterer Blasen- oder Darmfunktion. Die Autorinnen bewerten diese Ergebnisse jedoch als deutlich biasgefährdet.5
Die randomisierte BABITT-Studie von 2026 zeigte bis zum Alter von neun Monaten keinen statistisch signifikanten Vorteil beim kombinierten Endpunkt aus Säuglingskolik, infantiler Dyschezie und funktioneller Obstipation.6
Deshalb sollte man Eltern nicht sagen:
- „Das verhindert Verstopfung.“
- „Damit bekommt dein Baby keine Koliken.“
- „Je früher ihr startet, desto besser entwickelt sich die Blase.“
Die faire Formulierung ist: „Es gibt interessante Forschungsansätze, aber allgemeine gesundheitliche Vorteile sind bisher nicht gesichert.“
Was, wenn Eltern gar nicht anfangen möchten?
Dann ist das eine normale und legitime Entscheidung. Gute Beratung bedeutet nicht nur Wahlmöglichkeiten anzubieten, sondern auch anzuerkennen, dass Menschen Nutzen, Aufwand und mögliche Konsequenzen unterschiedlich bewerten.1
Eltern können später beginnen, nur gelegentlich abhalten oder ganz bei ihrer bisherigen Windelroutine bleiben.
Wie kann ein Beratungsgespräch aufgebaut sein?
| Schritt | Mögliche Formulierung |
|---|---|
| 1. Interesse klären | „Was habt ihr bisher über Abhalten gehört – und was interessiert euch daran?“ |
| 2. Kurz erklären | „Es geht darum, dem Baby bei passenden Gelegenheiten eine Ausscheidungsmöglichkeit außerhalb der Windel anzubieten.“ |
| 3. Erwartung entlasten | „Ihr müsst dafür weder alle Signale erkennen noch jede Ausscheidung erwischen.“ |
| 4. Optionen anbieten | „Ihr könnt es nur morgens ausprobieren, nach dem Aufwachen oder auch gar nicht.“ |
| 5. Evidenz einordnen | „Gesundheitsvorteile sind bisher nicht sicher belegt.“ |
| 6. Entscheidung respektieren | „Schaut, was zu euch und eurem Alltag passt.“ |
Wann braucht es mehr als eine allgemeine Beratung?
Sobald Eltern medizinische Beschwerden beschreiben, verändert sich die Aufgabe. Schmerzen, auffälliger Urin oder Stuhl, Fieber, schlechtes Gedeihen oder andere Warnzeichen dürfen nicht als normales „Abhalte-Thema“ behandelt werden.
Dann geht es nicht mehr nur um die Frage, wie Ausscheidungskommunikation gestaltet werden kann, sondern um fachliche beziehungsweise ärztliche Einordnung.
Was Fachpersonen vermeiden sollten
- Eltern das Gefühl zu geben, sie müssten Ausscheidungskommunikation „konsequent“ durchführen.
- „Windelfrei“ mit vollständigem Windelverzicht gleichzusetzen.
- jedes Baby als eindeutig signalgebend darzustellen.
- „verpasste“ Ausscheidungen als Misserfolg zu bewerten.
- Gesundheitsvorteile zu versprechen, die nicht gesichert sind.
- die Entscheidung gegen Ausscheidungskommunikation als weniger bindungsorientiert oder weniger aufmerksam darzustellen.
Fazit
Für Hebammen ist Ausscheidungskommunikation vor allem ein Beratungsthema – kein Programm, das Eltern erfüllen müssen. Eine gute Beratung erklärt die Praxis verständlich, macht Teilzeit und Nicht-Mitmachen ausdrücklich möglich, ordnet die Forschung ehrlich ein und verzichtet auf Gesundheitsversprechen. So bleibt aus einer interessanten Pflegeoption eine echte Wahlmöglichkeit statt einer neuen Elternaufgabe.
Quellen
- National Institute for Health and Care Excellence. Shared decision making. NICE Guideline NG197. NICE.
- World Health Organization. WHO recommendations on maternal and newborn care for a positive postnatal experience. 2022. WHO.
- Bender JM, Lee Y, Ryoo JH, et al. A Longitudinal Study of Assisted Infant Toilet Training During the First Year of Life. J Dev Behav Pediatr. 2021;42(8):648–655. DOI: 10.1097/DBP.0000000000000936. PubMed.
- Vermandel A, Van Hall G, Van der Cruyssen K, et al. ‚Elimination signals‘ in healthy, NON toilet trained children aged 0-4 years: A systematic review. J Pediatr Urol. 2020;16(3):342–349. DOI: 10.1016/j.jpurol.2020.03.003. PubMed.
- Hindmarsh C, Davis D, Atchan M. Assisted Infant Toilet Training and Bladder and Bowel Health: A Global Integrative Review. Matern Child Health J. 2025;29:1366–1378. DOI: 10.1007/s10995-025-04160-0. PubMed.
- Nilsson T, Leijon A, LoMartire R, et al. Assisted infant toilet training and the prevalence of functional gastrointestinal disorders up to the age of 9 months: a randomised, controlled trial. Arch Dis Child. 2026;111(3):238–244. DOI: 10.1136/archdischild-2025-328792. PubMed.
Recherche- und Prüfstand: 28. September 2026. Dieser Artikel ist evidenzgeprüft.
Evidenz & Transparenz
Wie ist dieser Artikel einzuordnen?
Evidenzlage
Für die Beratungsform stützen sich die Empfehlungen auf personenzentrierte und gemeinsame Entscheidungsfindung nach NICE und WHO. Zur AITT-Praxis zeigen Kohortendaten, dass Teilzeit verbreitet ist; eine systematische Review beschreibt mögliche Ausscheidungssignale ohne allgemein verlässliche Vorhersagbarkeit. Gesundheitsvorteile bleiben ungesichert.
Sicherheitshinweis
Medizinische Beschwerden und Warnzeichen werden unabhängig von der gewählten Toileting-Praxis beurteilt. Ausscheidungskommunikation ersetzt keine Diagnostik oder Behandlung.