Muss Ausscheidungskommunikation ohne Windel funktionieren?

Kurz gesagt: Nein. Ausscheidungskommunikation bedeutet nicht automatisch, dass ein Baby ohne Windel leben muss. Studien zeigen, dass viele Familien AITT nur teilweise praktizieren und gleichzeitig Stoff- oder Wegwerfwindeln nutzen. Der Begriff „windelfrei“ kann deshalb missverständlich sein.

Warum „windelfrei“ leicht falsch verstanden wird

Im deutschsprachigen Alltag wird „windelfrei“ häufig als Synonym für Ausscheidungskommunikation verwendet. Wörtlich klingt das jedoch so, als sei vollständiger Windelverzicht das Ziel oder sogar die Voraussetzung.

Die wissenschaftliche Literatur beschreibt AITT anders: als betreuungsgestützte Praxis, bei der Eltern oder andere Betreuungspersonen auf mögliche Signale, typische Zeitpunkte und Routinen reagieren und dem Kind eine Ausscheidungsmöglichkeit anbieten.1, 2

Ob zusätzlich Windeln genutzt werden, ist davon unabhängig.

Nutzen Familien bei AITT trotzdem Windeln?

Ja. In einer westlichen longitudinalen Studie mit 85 Familien und 87 Kindern verwendeten mehr als 63 % der Familien im Verlauf des ersten Lebensjahres weiterhin Stoff- oder Wegwerfwindeln.3

Auch die globale Integrative Review von 2025 zeigt, dass Windeln in vielen AITT-Studien weiterhin eine Rolle spielten. In 14 der 21 eingeschlossenen Studien wurde Windelnutzung ausdrücklich beschrieben.1

Die praktische Realität ist also deutlich vielfältiger als der Begriff „windelfrei“ vermuten lässt.

Kann Ausscheidungskommunikation nur in Teilzeit stattfinden?

Ja. In derselben westlichen Kohorte praktizierten je nach Altersphase 45 bis 53 % der Familien AITT nur in Teilzeit.3

Das kann ganz unterschiedlich aussehen:

  • nur morgens nach dem Aufwachen,
  • nur zu Hause,
  • nur bei Stuhlgang,
  • nur bei gut erkennbaren Routinen,
  • oder nur dann, wenn es für Eltern und Kind gerade passt.

Teilzeit ist damit keine „abgeschwächte“ oder falsche Form der Methode, sondern eine dokumentierte Praxis.

Muss ein Baby dadurch besonders früh trocken werden?

Nein. Auch hier lohnt sich eine realistische Erwartung.

In der westlichen AITT-Kohorte waren während des ersten Lebensjahres nur etwa 12 bis 14 % der Kinder tagsüber trocken.3

Diese Zahl ist kein Zielwert. Sie zeigt vielmehr: Selbst bei Familien, die früh mit AITT begonnen hatten, war vollständige Trockenheit im ersten Lebensjahr keineswegs die Regel.

Was ist dann eigentlich das Ziel?

Das hängt von der Familie ab. Für manche geht es darum, Signale oder Routinen wahrzunehmen. Andere möchten Windeln ergänzen, einzelne Stuhlgänge außerhalb der Windel auffangen oder einfach eine weitere Möglichkeit der Säuglingspflege kennenlernen.

Ein wissenschaftlich verpflichtendes Ziel wie „so früh wie möglich trocken“ gibt es nicht.

Warum der Begriff Ausscheidungskommunikation präziser ist

Der Begriff Ausscheidungskommunikation beschreibt besser, worum es praktisch geht: beobachten, anbieten, begleiten und reagieren.

Er legt weder vollständigen Windelverzicht noch einen bestimmten Erfolg fest. Genau deshalb ist er für ein Fachportal meist präziser als „windelfrei“.

Was bedeutet das für die Hebammenberatung?

Eine hilfreiche Formulierung kann sein:

„Ihr müsst dafür nicht auf Windeln verzichten. Viele Familien kombinieren Windeln und Abhalten und nutzen Ausscheidungskommunikation nur in einzelnen Situationen. Ihr könnt schauen, was für euch praktisch ist.“

Damit wird aus „windelfrei“ kein Alles-oder-nichts-Projekt.

Was Fachpersonen vermeiden sollten

  • „Richtiges Windelfrei funktioniert nur ohne Windeln.“
  • „Wenn ihr Windeln benutzt, macht ihr keine Ausscheidungskommunikation.“
  • frühe Trockenheit als Qualitätsmerkmal elterlicher Aufmerksamkeit darzustellen,
  • Teilzeit als weniger wertvoll oder inkonsequent zu bewerten,
  • Eltern mit Zahlen zu „erfolgreichen“ Ausscheidungen unter Druck zu setzen.

Fazit

Ausscheidungskommunikation und Windeln schließen sich nicht aus. Studien zeigen, dass viele Familien AITT in Teilzeit praktizieren und gleichzeitig Stoff- oder Wegwerfwindeln verwenden. Auch frühe vollständige Trockenheit ist kein notwendiges Merkmal. Für die Beratung ist deshalb eine einfache Botschaft sinnvoll: Windeln können Teil der Ausscheidungskommunikation sein.


Quellen

  1. Hindmarsh C, Davis D, Atchan M. Assisted Infant Toilet Training and Bladder and Bowel Health: A Global Integrative Review. Matern Child Health J. 2025;29:1366–1378. DOI: 10.1007/s10995-025-04160-0. PubMed.
  2. Hindmarsh C, Davis D. Assisted infant toilet training: A pathway to planetary health? Midwifery. 2026;158:104794. DOI: 10.1016/j.midw.2026.104794. PubMed.
  3. Bender JM, Lee Y, Ryoo JH, et al. A Longitudinal Study of Assisted Infant Toilet Training During the First Year of Life. J Dev Behav Pediatr. 2021;42(8):648–655. DOI: 10.1097/DBP.0000000000000936. PubMed.

Recherche- und Prüfstand: 28. September 2026. Dieser Artikel ist evidenzgeprüft.

Evidenz & Transparenz

Wie ist dieser Artikel einzuordnen?

Evidenzlage

Eine longitudinale westliche Kohorte zeigt, dass 45–53 % der Familien AITT in Teilzeit praktizierten und mehr als 63 % weiterhin Stoff- oder Wegwerfwindeln nutzten; nur 12–14 % der Säuglinge waren im ersten Lebensjahr tagsüber trocken. Die globale Integrative Review beschreibt ebenfalls parallele Windelnutzung in zahlreichen eingeschlossenen Studien.

Sicherheitshinweis

Windelnutzung oder Nichtnutzung hat keinen diagnostischen Wert. Auffällige Ausscheidungen oder Krankheitssymptome müssen unabhängig von der gewählten Pflegepraxis fachlich eingeordnet werden.

Status: Evidenz geprüft•Letzte Prüfung: 28.09.2026•Nächste Prüfung: 28.09.2027