Ausscheidungskommunikation weltweit: Kultur, Geschichte und unterschiedliche Praktiken

Kurz gesagt: Ausscheidungskommunikation ist weder eine neue westliche Erfindung noch eine weltweit einheitliche „ursprüngliche“ Methode. Frühe betreuungsgestützte Ausscheidungspraxis ist in unterschiedlichen kulturellen Kontexten dokumentiert. Zeitpunkt, Haltung, Cueing, Windelnutzung und Erwartungen unterscheiden sich jedoch erheblich. Deshalb ist „in Asien und Afrika macht man das so“ wissenschaftlich zu grob.

Toilettenpraxis ist kulturell geprägt

Die globale Integrative Review von 2025 beschreibt AITT als Praxis, die in verschiedenen niedrig- und mittel­einkommensgeprägten sowie nicht englischsprachigen Kontexten verbreitet ist. Gleichzeitig zeigen die eingeschlossenen Studien eine große Heterogenität bei Beginn, Umsetzung und Zielvorstellungen.1

Damit ist schon die wichtigste Aussage klar: Es existiert nicht die kulturelle Alternative zum westlichen Toilettentraining.

Beispiel Vietnam: Beobachten und Pfeifsignal

Duong und Kolleginnen begleiteten 47 vietnamesische Mütter und ihre Kinder von der Neugeborenenzeit bis zum Alter von zwei Jahren. Die Mütter berichteten, Windeln traditionell nur selten zu verwenden, Ausscheidungszeichen häufig zu beobachten und zu bestimmten Zeiten ein Pfeifgeräusch einzusetzen.2

Alle Kinder der kleinen Kohorte nutzten nach Studienangabe mit neun Monaten das Töpfchen. Diese Beobachtung beschreibt eine konkrete untersuchte Gruppe – nicht automatisch „die vietnamesische Kultur“.

Beispiel Ostafrika: die Digo-Studie von 1977

Eine häufig zitierte historische Studie untersuchte die Digo-Gemeinschaft in Ostafrika. Dort begann betreuungsgestützte Toilettenpraxis bereits in den ersten Lebenswochen. Die Autoren nutzten das Beispiel, um zu zeigen, dass Vorstellungen darüber, wann ein Kind „bereit“ sei, stark von kulturellen Erwartungen geprägt sein können.3

Die Studie ist fast fünf Jahrzehnte alt. Sie sollte deshalb als historisches, lokal begrenztes Beispiel gelesen werden – nicht als Beschreibung heutiger ostafrikanischer Familien insgesamt.

Und in westlichen Familien?

Auch in westlichen Kontexten wurde frühe caregiver-assisted Praxis dokumentiert. Ein Fallbericht von 2004 beschreibt einen Start am 33. Lebenstag mit Beobachtung individueller Ausscheidungszeiten, körpernaher Haltung und einem wiederkehrenden Lautsignal.4

Neuere westliche Kohortendaten zeigen zudem, dass AITT häufig nur in Teilzeit praktiziert wird und parallel Windeln verwendet werden.5

Ist spätes Toilettentraining also „unnatürlich“?

Diese Schlussfolgerung wäre zu stark. Kulturvergleichende Forschung zeigt, dass Betreuungssysteme und Erwartungen an Kinder unterschiedlich organisiert sind. Daraus lässt sich keine einzige biologisch vorgeschriebene Praxis ableiten.

Wissenschaftlich sauberer ist: Das heute in vielen westlichen Ländern verbreitete readiness-basierte Toilettentraining ist ein kulturell und historisch geprägtes Modell unter mehreren.

Warum diese Perspektive für Hebammen wichtig ist

Familien bringen unterschiedliche Vorerfahrungen mit. Für manche ist frühes Abhalten selbstverständlich, für andere völlig neu. Gute Beratung sollte deshalb weder exotisieren noch missionieren.

  • fragen, wie Ausscheidung in der Herkunftsfamilie gehandhabt wurde,
  • Begriffe erklären statt voraussetzen,
  • Windelnutzung weder moralisch auf- noch abwerten,
  • kulturelle Praxis nicht automatisch als medizinische Evidenz behandeln,
  • Familien nicht auf Herkunft oder vermeintliche Tradition festlegen.

„Windelfrei ist ursprünglich“ – kann man das sagen?

Nur mit großer Vorsicht. Frühe betreuungsgestützte Ausscheidungspraktiken sind historisch und kulturübergreifend dokumentiert. Der Begriff „ursprünglich“ suggeriert aber eine einheitliche Menschheitsnorm, die aus den vorhandenen Studien nicht ableitbar ist.

Besser: „Ausscheidungskommunikation knüpft an Formen der Säuglingspflege an, die in unterschiedlichen Kulturen seit langem dokumentiert sind.“

Fazit

AITT hat vielfältige kulturelle und historische Bezugspunkte. Vietnam, die Digo-Studie und westliche Fall- und Kohortendaten zeigen unterschiedliche Wege früher betreuungsgestützter Ausscheidungspraxis. Die gemeinsame Lehre ist nicht, dass eine Kultur „richtig“ liegt, sondern dass Vorstellungen von Toilettenbereitschaft und Säuglingspflege kulturell variabler sind, als westliche Standards oft vermuten lassen.


Quellen

1. Hindmarsh C, Davis D, Atchan M. Assisted Infant Toilet Training and Bladder and Bowel Health: A Global Integrative Review. 2025. PubMed.

2. Duong TH, Jansson U-B, Hellström A-L. Vietnamese mothers‘ experiences with potty training procedure for children from birth to 2 years of age. 2013. PubMed.

3. deVries MW, deVries MR. Cultural relativity of toilet training readiness: a perspective from East Africa. Pediatrics. 1977;60(2):170–177. PubMed.

4. Sun M, Rugolotto S. Assisted infant toilet training in a Western family setting. 2004. PubMed.

5. Bender JM, et al. A Longitudinal Study of Assisted Infant Toilet Training During the First Year of Life. 2021. PubMed.

Recherche- und Prüfstand: 30. September 2026. Kulturbezogene Beispiele werden lokal und historisch eingeordnet; es werden keine pauschalen Aussagen über Länder oder Kontinente abgeleitet.

Evidenz & Transparenz

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Evidenzlage

Die Einordnung trennt dokumentierte Praxis von nicht belegten Wirkmechanismen und kennzeichnet fehlende Vergleichsdaten ausdrücklich.

Sicherheitshinweis

Positionen und Routinen dürfen nicht erzwungen werden; praktische Empfehlungen sind keine Therapie.

Status: Evidenz geprüft•Letzte Prüfung: 30.09.2026•Nächste Prüfung: 30.09.2027