Kurz gesagt: Bei Ausscheidungskommunikation gibt es kein einziges wissenschaftlich festgelegtes Erfolgskriterium. Studien betrachten unterschiedliche Größen: Signalerkennung, Häufigkeit des Abhaltens, Teilzeitpraxis, Windelnutzung, Tag- und Nachttrockenheit, Zufriedenheit oder gesundheitliche Outcomes. Für die Beratung ist deshalb wichtig, „Erfolg“ nicht automatisch mit früher Trockenheit oder einer hohen Trefferquote gleichzusetzen.
Warum die Frage nach „Erfolg“ so leicht in die Irre führt
Im Alltag klingt die Frage zunächst einfach: Funktioniert Ausscheidungskommunikation oder nicht?
Wissenschaftlich ist das deutlich komplizierter. Die aktuelle AITT-Literatur untersucht ganz unterschiedliche Zielgrößen. Die globale Integrative Review betrachtet unter anderem Start- und Abschlussalter, Ausscheidungssignale und mögliche Zusammenhänge mit Blasen- und Darmfunktion.1 Eine westliche longitudinale Studie erfasste zusätzlich Toileting-Versuche pro Tag, Teilzeitpraxis, Windelnutzung, Tag- und Nachttrockenheit, Signalerkennung und Zufriedenheit der Betreuungspersonen.2
Die randomisierte BABITT-Studie wiederum untersucht gesundheitliche Outcomes wie funktionelle gastrointestinale Störungen.3, 4
Schon daran sieht man: „Erfolg“ ist in der Forschung kein einzelner Messwert.
Trefferquote: Wie viele Ausscheidungen landen außerhalb der Windel?
Für viele Eltern ist das zunächst der naheliegendste Maßstab. Wenn mehr Pipi oder Stuhl im Töpfchen oder über der Toilette landen, fühlt sich die Praxis erfolgreicher an.
Als wissenschaftlich standardisiertes Erfolgskriterium ist eine solche „Trefferquote“ in der herangezogenen AITT-Literatur jedoch nicht etabliert. Die westliche Kohortenstudie berichtet zwar, wie häufig Familien Toileting-Versuche unternahmen, aber nicht in Form eines allgemein gültigen Sollwerts.2
Für die Beratung bedeutet das: Eine hohe Trefferquote kann für einzelne Familien praktisch erfreulich sein. Sie sollte aber nicht zu einem Leistungsmaß werden.
Frühe Trockenheit: ein möglicher Outcome, aber kein Pflichtziel
Tag- und Nachttrockenheit werden in Studien durchaus erfasst. Das macht Trockenheit zu einem legitimen Forschungsoutcome – aber nicht automatisch zum alleinigen Ziel von Ausscheidungskommunikation.
In der westlichen longitudinalen AITT-Kohorte waren während des ersten Lebensjahres nur etwa 12 bis 14 % der Säuglinge tagsüber trocken.2 Gleichzeitig praktizierten viele Familien AITT weiter und berichteten insgesamt hohe Zufriedenheit.
Diese Daten sind wichtig, weil sie zeigen: Selbst in einer Gruppe, die früh und bewusst mit AITT begonnen hatte, war vollständige Tagestrockenheit im ersten Lebensjahr nicht die Norm.
Deshalb ist die Aussage „Wenn das Baby nicht früh trocken wird, funktioniert Ausscheidungskommunikation nicht“ fachlich nicht haltbar.
Weniger Windeln: praktisch relevant, aber nicht identisch mit Gesundheit
Ein weiteres mögliches Ziel ist eine geringere Windelnutzung. Das kann für Familien aus praktischen, ökologischen oder finanziellen Gründen relevant sein.
Auch hier zeigen die Daten eine Mischform: In der westlichen Kohorte nutzten mehr als 63 % der Familien während des Studienverlaufs weiterhin Stoff- oder Wegwerfwindeln.2
Weniger Windeln können für eine Familie ein gewünschter Nebeneffekt sein. Daraus sollte aber weder eine Gesundheitswirkung abgeleitet noch eine Mindestzahl eingesparter Windeln als Erfolgsgrenze definiert werden.
Signale erkennen: hilfreich, aber kein Test elterlicher Feinfühligkeit
Die Wahrnehmung möglicher Ausscheidungssignale gehört zur Praxis. In der westlichen Kohorte berichteten 88 bis 94 % der Betreuungspersonen, Signale ihres Kindes erkennen zu können.2
Gleichzeitig zeigt eine systematische Review keine universell zuverlässigen Signale, die bei jedem Kind jede Ausscheidung sicher ankündigen.5
Deshalb sollte Signalerkennung nicht zum Test werden, ob Eltern ihr Baby „gut genug lesen“. Manche Familien erkennen stabile Muster, andere orientieren sich stärker an Timing und Routinen.
Zufriedenheit: relevant, aber subjektiv
Die Bender-Kohorte erfasste ausdrücklich auch die Zufriedenheit der Betreuungspersonen. Diese war insgesamt hoch und unter anderem mit wahrgenommenem besserem Verständnis kindlicher Bedürfnisse, Trockenheit und Signalerkennung assoziiert.2
Das macht Zufriedenheit zu einem wichtigen praktischen Outcome. Gleichzeitig ist sie subjektiv und kann in einer selbstselektierten Gruppe höher ausfallen als in der Allgemeinbevölkerung.
Für die Beratung ist dennoch eine einfache Frage sinnvoll: „Hilft euch die Praxis im Alltag – oder erzeugt sie eher zusätzlichen Druck?“
Gesundheitliche Outcomes: wichtig, aber bisher nicht eindeutig
Die Forschung untersucht auch mögliche Auswirkungen auf Blasen- und Darmgesundheit. Beobachtungsstudien berichten teils günstige Zusammenhänge, die aktuelle Integrative Review bewertet diese jedoch als deutlich biasgefährdet.1
Die randomisierte BABITT-Auswertung bis neun Monate zeigte beim kombinierten Endpunkt aus Säuglingskolik, infantiler Dyschezie und funktioneller Obstipation keinen statistisch signifikanten Unterschied zwischen früher AITT-Gruppe und Kontrollgruppe.3
Gesundheitliche Outcomes sind damit wichtige Forschungsfragen – aber sie eignen sich derzeit nicht als einfache Aussage wie „AITT ist erfolgreich, wenn es Verstopfung verhindert“.
Was könnte Erfolg im Familienalltag bedeuten?
Für die Beratung ist es hilfreicher, die Ziele der Familie zu klären, statt ein externes Erfolgskriterium vorzugeben.
Eine Familie kann Ausscheidungskommunikation als hilfreich erleben, weil sie einzelne typische Situationen gut nutzen kann. Eine andere freut sich über weniger volle Windeln. Eine dritte möchte vor allem die Signale ihres Kindes beobachten. Und eine vierte stellt fest, dass das Thema gerade zusätzlichen Stress erzeugt und pausiert.
Keines dieser Ergebnisse lässt sich allein aus einer Trefferquote oder dem Alter bei Trockenheit bewerten.
Eine hilfreiche Frage in der Hebammenberatung
Statt zu fragen „Klappt es schon?“, kann die Hebamme fragen:
„Was möchtet ihr mit Ausscheidungskommunikation erreichen – und fühlt sich die Art, wie ihr es gerade macht, für euch und euer Baby stimmig an?“
Damit wird sichtbar, ob Eltern überhaupt ein bestimmtes Ziel verfolgen und ob die Praxis zu ihrem Alltag passt.
Was Fachpersonen vermeiden sollten
Nicht hilfreich sind: eine bestimmte Trefferquote als normal vorzugeben; frühe Trockenheit als Pflichtziel darzustellen; Familien anhand der Zahl eingesparter Windeln zu bewerten; Signalerkennung mit elterlicher Feinfühligkeit gleichzusetzen; oder gesundheitliche Effekte als Erfolgsversprechen zu formulieren.
Fazit
Die AITT-Forschung arbeitet mit unterschiedlichen Outcomes. Deshalb gibt es derzeit kein einzelnes Maß, an dem sich der „Erfolg“ von Ausscheidungskommunikation festmachen lässt. Trockenheit, Windelnutzung, Signalerkennung, Zufriedenheit und gesundheitliche Outcomes beantworten jeweils unterschiedliche Fragen.
Für die Hebammenberatung ist deshalb ein personenzentrierter Maßstab hilfreicher: Was möchte die Familie erreichen, und funktioniert die gewählte Praxis ohne unnötigen Druck für ihren Alltag?
Quellen
1. Hindmarsh C, Davis D, Atchan M. Assisted Infant Toilet Training and Bladder and Bowel Health: A Global Integrative Review. Matern Child Health J. 2025;29:1366–1378. DOI: 10.1007/s10995-025-04160-0. PubMed.
2. Bender JM, Lee Y, Ryoo JH, et al. A Longitudinal Study of Assisted Infant Toilet Training During the First Year of Life. J Dev Behav Pediatr. 2021;42(8):648–655. DOI: 10.1097/DBP.0000000000000936. PubMed.
3. Nilsson T, Leijon A, LoMartire R, et al. Assisted infant toilet training and the prevalence of functional gastrointestinal disorders up to the age of 9 months: a randomised, controlled trial. Arch Dis Child. 2026;111(3):238–244. DOI: 10.1136/archdischild-2025-328792. PubMed.
4. Nilsson T, Leijon A, et al. Bowel and bladder function in infant toilet training (BABITT) – protocol for a randomized, two-armed intervention study. BMC Pediatr. 2022;22:294. DOI: 10.1186/s12887-022-03355-6. PubMed.
5. Vermandel A, Van Hall G, Van der Cruyssen K, et al. ‚Elimination signals‘ in healthy, NON toilet trained children aged 0-4 years: A systematic review. J Pediatr Urol. 2020;16(3):342–349. DOI: 10.1016/j.jpurol.2020.03.003. PubMed.
Recherche- und Prüfstand: 29. September 2026. Dieser Artikel ist evidenzgeprüft.
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Evidenzlage
Die globale Integrative Review untersucht Beginn, Abschluss, Signale und Blasen-Darm-Outcomes. Die longitudinale Bender-Kohorte berichtet zusätzlich Toileting-Versuche, Teilzeitpraxis, Trockenheit, Windelnutzung und Zufriedenheit. BABITT untersucht klinische GI-Outcomes. Damit arbeitet die Literatur mit unterschiedlichen Zielgrößen.
Sicherheitshinweis
Subjektiver Erfolg der Ausscheidungskommunikation ersetzt keine medizinische Beurteilung. Beschwerden oder therapeutische Ziele müssen unabhängig von Trefferquote, Trockenheit oder Zufriedenheit fachlich eingeordnet werden.
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